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WeltAnschauung > Gibt Es Gott
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Theo schrieb mir am 11.5.2004 eine Mail:

"...Ich hab letztens von Brecht "Geschichten vom Herrn Keuner" gelesen und eine kleine geschichte hat mir zu denken gegeben. Ich stell sie dir einfach mal vor und wenn du magst schreibst du mir deine Ansichten, meinungen oder
Kritiken. Also Herr Müller das ist die Geschichte, darf ich sie bekannt machen?"

Herr Keuner wurde gefragt, ob es einen Gott gäbe, worauf dieser erwiderte:
"Lass uns erstmal klären, ob das etwas an deinem Verhalten ändern würde.
Wenn nicht, so können wir die Frage doch fallen lassen, nicht?
Wenn aber doch, so kann ich dir nur noch behilflich sein, indem ich dir
sage, dass du einen Gott BRAUCHST."


Meine Antwort:

Die Geschichte gefällt mir sehr gut und ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht. Mit dem einen Teil bin ich absolut einverstanden: Wenn es keine Auswirkung auf mein Verhalten (oder mein Weltbild, woraus ich meine Urteile und mein Verhalten ableite) hat, ist die Frage nach der Existenz Gottes nicht relevant - höchstens vielleicht unterhaltsam.
Selbst wenn wissenschaftlich bewiesen wäre, dass Gott die Erde in 7 Tagen geschaffen hat, wäre das eine interessante Information, hätte aber keine Auswirkung auf unser Leben.
Wenn aber die Existenz Gottes etwas an meinem Verhalten ändern würde, setzt das voraus, dass ich eine Beziehung zu Gott habe: Eine Person oder ein Ereignis zu dem ich keine Beziehung habe, ändert ja nicht mein Leben.
Die Beziehung kann unterschiedlicher Art sein: Ich kann Angst vor der Strafe Gottes haben, ich kann Aggressionen gegen Gott haben, weil er das Böse auf der Welt zulässt, ich kann mich abhängig von Gott fühlen und ich kann Gott lieben.
Da sind wir an der Stelle, wo ich mich von Herrn Keuner distanzieren würde: Ich definiere meine Beziehung zu Gott nicht dadurch, dass ich Gott in erster Linie BRAUCHE oder mir Vorteile durch meine Glauben verspreche, sondern durch meine Liebe zu Gott. - Natürlich gibt mir mein Glaube an die Nähe Gottes auch einen gewissen Halt und Orientierung im Leben, aber das ist nicht der GRUND, WARUM ich Gott liebe.
Ich habe von Sebb zum Geburtstag ein Buch bekommen: Erich Fromm - "Formen der Liebe". Es werden verschiedene Formen der Liebe herausgearbeitet, z.B. die Liebe des Kindes zur Mutter, die Liebe zwischen zwei Menschen, die Nächstenliebe... Liebe ist dabei das Bedürfnis, das Getrenntsein vom Gegenüber zu überwinden. Erich Fromm sagt, dass verschiedenen Formen der Liebe eine unterschiedliche Reife ausdrücken. Dabei ist die Liebe aus Abhängigkeit, weil man den anderen Braucht, eine sehr kindliche, unreife Form. Bei weiter entwickelte Formen der Liebe erstreckt sich das Streben nach Eineit nicht mehr ausschließlich auf konkrete Personen, sondern über das soziale Umfeld bis hin zu abstrakten Größen (Liebe zu den Menschen = altruismus; Liebe zur Schöpfung; Liebe zu Gott). Dabei ist die Beziehung auch nicht mehr durch hierarchiche Abhängigkeits-Strukturen gekennzeichnet, sondern durch das gegenseitige Verantwortlich-fühlen bei gleichzeitigem Zugeständnis persönlicher Freiheit und Integrität.

Erich Fromm formuliert es in "Humanismus als reale Utopie" folgendermaßen:


  • Ich glaube, dass der Mensch grundsätzlich die Wahl hat zwischen Leben und Tod, zwischen Kreativität und destruktiver Gewalt, zwischen Wirklichkeitssinn und Illusion, zwischen Objektivität und Intoleranz, zwischen brüderlicher Unabhängigkeit und einer Bezogenheit auf Grund von Über- und Unterordnung.
  • Ich glaube, dass man dem Leben die Bedeutung andauernder Geburt und beständiger Entwicklung zuschreiben kann.
  • Ich glaube, dass der Mensch, der die regressive Antwort gibt, dadurch Einheit zu finden versucht, dass er sich von der unerträglichen Angst vor Einsamkeit und Unsicherheit zu befreien versucht, indem er das, was ihn menschlich macht und zum Problem wird, entstellt. Die regressive Orientierung entwickelt sich in drei Erscheinungsweisen, die getrennt oder im Verbund auftreten: in der Nekrophilie, im Narzissmus und in der inzesthaften Symbiose.
Mit Nekrophilie meine ich die Liebe zu allem, was mit Gewaltanwendung und Destruktivität zu tun hat; der Wunsch zu töten; die Bewunderung von Macht; das Angezogensein von Totem, von Selbstmord, von Sadismus; der Wunsch, Organisches mit Hilfe von „Ordnungschaffen“ in Anorganisches zu verwandeln. Da dem Nekrophilen die erforderlichen Eigenschaften für Kreatives abgehen, ist es ihm in seiner Unfähigkeit ein Leichtes, zu zerstören, denn für ihn dreht sich alles nur um Gewalt.
Mit Narzissmus meine ich, dass der Mensch aufhört, ein lebendiges Interesse an der Außenwelt zu zeigen und eine starke Bindung an sich selbst, an seine eigene Gruppe, an den eigenen Klan, die eigene Religion, Nation, Rasse usw. entwickelt. Dabei kommt es zu gravierenden Verzerrungen in seinem rationalen Urteilsvermögen. Ganz allgemein entsteht das Bedürfnis nach narzisstischer Befriedigung, wenn materielle und kulturelle Armut kompensiert werden muss.
Mit inzesthafter Symbiose meine ich die Tendenz, an die Mutter und ihre Ersatzfiguren – das Blut, die Familie, den Stamm – gebunden zu bleiben, der unerträglichen Bürde der Verantwortung, der Freiheit und des Bewusstseins zu entfliehen und in einem Hort von Sicherheit und Abhängigkeit Schutz und Liebe zu bekommen. Dafür bezahlt der einzelne mit dem Ende seiner eigenen menschlichen Entwicklung.
  • Ich glaube, dass der Mensch, der sich für das Vorwärtsgehen entscheidet, eine neue Einheit finden kann, indem er alle seine menschlichen Kräfte zur vollen Entfaltung bringt. Diese können sich in drei Weisen entfalten und allein oder im Verbund in Erscheinung treten: in der Biophilie, in der Liebe zur Menschheit und zur Natur und in Unabhängigkeit und Freiheit.
  • Ich glaube, dass die Liebe sozusagen der „Hauptschlüssel“ ist, mit dem sich die Tore zum Wachstum des Menschen öffnen lassen. Ich meine damit Liebe zu und Einssein mit jemand anderem oder etwas außerhalb von mir selbst, wobei das Einssein besagt, dass man sich auf andere bezieht und sich mit anderen eins fühlt, ohne damit sein Gespür für die eigene Integrität und Unabhängigkeit einschränken zu müssen. Liebe ist eine produktive Orientierung, zu deren Wesen es gehört, dass folgende Merkmale gleichzeitig vorhanden sind:
    • Man muss sich für das, womit man eins werden will, interessieren,
    • sich für es verantwortlich fühlen,
    • es achten und
    • es verstehen.
  • Ich glaube, dass die Praxis der Liebe das menschlichste Tun ist, das den Menschen ganz zum Menschen macht und ihm zur Freude am Leben gegeben ist. Für diese Praxis der Liebe gilt aber – wie für die Vernunftfähigkeit: Sie ist sinnlos, wenn sie nur halbherzig vollzogen wird.
  • Ich glaube, dass man erst „frei von“ seinen inneren und/oder äußeren Bindungen sein muss, um „frei zu“ etwas sein zu können: zu schöpferischem, gestaltendem Tun, zu mehr Erkenntnis usw. Erst dann ist man fähig, ein freies, tätiges, verantwortliches Wesen zu sein.

Die Frage ist also nicht, ob ich Gott BRAUCHE, sondern ob ich Gott LIEBE! und ob sich das in meinem Leben auswirkt. - Nicht in einer unreifen Form der Abhängigkeit und hierarchichen Denkens, sondern auf einer Stufe des gegenseitigen Verlangens nach Vereinigung ohne Vereinnahmung!
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Wenn dieses Verlangen, diese Liebe da ist, hat sie auch Auswirkung auf mein Verhalten. Jetzt wage ich mal einen philosofischen Vorstoß, den ich noch nicht in aller Tiefe durchdacht habe, und behaupte: Letztendlich ist es nicht relevant, ob Gott existiert. Denn selbst wenn Gott nicht existierte, hätte ich ihn durch meine Liebe definiert und zumindest als Vision existent gemacht. Im Umkehrschluss würde das Fehlen dieser Vision bedeuten: Getrenntsein von dem Bezugspunkt meiner Gottesliebe, getrenntsein von Gott. Nach Definition einiger bibelfester Personen, mit denen ich mich unterhalten habe, entspricht der Ort des Getrenntseins von Gott dem Begriff "HÖLLE" und der Prozess, der zur Trennung von Gott führt, "SÜNDE". Somit kann es für mich nicht Ziel meiner Bestrebungen sein, die Existenz Gottes zu widerlegen, sondern ich suche eher im Alltag, in der Schöpfung und den Menschen nach den Spuren Gottes - nicht ohne Erfolg ;-)

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